A v a l o n p f a d
 A v a l o n p f a d                                          

Geb., 348 Seiten. Klett-Cotta, ISBN-13: 978-3608963915

Wir und die Anderen

Es ist kalt auf der Mauer“, mit diesen Worten läßt der Autor John Lanchester seinen jungen Protagonisten und Ich-Erzähler beginnen. Joseph Kavanagh, von seinen Kammeraden Yeti genannt, gehört zu jener Generation, für die der zweijährige Dienst auf der Mauer, die ganz Großbritanien umschließt, obligatorisch ist. Es ist die Generation der nach dem „Wandel“ geborenen. Für sie wird die Welt nie wieder sein, wie für endlose Generationen zuvor. Nach dem globalen Kollaps, müssen sie mit vollkommen neuen Herausforderungen zurecht kommen. Die Mauer schützt, schließt ein und grenzt aus. Sie soll „die Anderen“, die sich über das Meer nähern könnten, daran hindern ins Land zu kommen.

Die Bewacher, die auf der Mauer ihren Dienst tun, aufgeteilt in zwei zwölfstündige Schichten, leben schon nach kurzer Zeit in einer Art Paralleluniversum. Sie kennen sich mit Kälte aus. Tag für Tag, Nacht für Nacht sind sie ihr ausgesetzt. Auf die eine Art von Kälte kann man sich vorbereiten und schützen, von der anderen wird man überfallen und ist ihr hilflos ausgeliefert. Diese Kälte ist tödlich. Es gibt keinen Schutz vor ihr, nur den Kampf ums Überleben.
Aber das ist nicht die einzige Gefahr, der sich Joseph Kavanagh ausgesetzt fühlt. Alle wissen, dass in dem Augenblick, in dem ein Angriff der Anderen auf die Mauer erfolgt, ebenso viele Bewacher verbannt werden, wie Andere ins Land gelangen. Sie werden in kleinen Booten auf dem Meer ausgesetzt und dürfen nie wieder zurück. Eine scheinbar ausgleichende Gerechtigkeit, die nicht hinterfragt wird. Es ist eben so. 
Joseph Kavanagh und seine Kammeraden leben jede Minute, die sie auf der Mauer Dienst tun, mit der Kälte, der Langeweile und mit diesem Wissen. Bis eines Tages das Unvorstellbare geschieht.

John Lanchester schickt seinen Protagonisten in eine harte, kalte Welt. Die Welt nach dem „Wandel“. Kälte als Metapher. Er läßt Joseph Kavanagh seine Geschichte in einer klaren und sachlichen Sprache erzählen. Sie passt zu einen jungen Mann.

In der neuen Welt, nach dem Wandel, gibt es nicht nur neue Regeln und Gesetze, es herrscht auch eine ganz neue emotionale Kälte. So kann sich der junge Joseph Kavanagh nach einigen Wochen ein Zuhause nicht mehr vorstellen. Familiäre Beziehungen haben keinen Wert mehr. Zwischen Eltern und Kindern herrschen Unverständnis, Schuldgefühle und Anklagen. Sie stammen nicht mehr aus derselben Welt, teilen nicht mehr dieselben Erfahrungen. Das schafft eine unüberwindliche Distanz. Der Wandel ist radikal. Joseph Kavanagh erklärt es so: „Keiner von uns kann mit seinen Eltern reden. Und mit „uns“ meine ich meine eigene Generation, diejenigen, die nach dem Wandel geboren wurden. ... Es lag nicht an uns, es war deren Schuld. Die Schuld von Massen. Die Schuld von Generationen. Die Alten haben das Gefühl, die Welt unwiederbringlich vor die Wand gefahren und es dann zugelassen zu haben, dass wir in sie hineingeboren wurden. Und was soll ich sagen? Genauso ist es.“ (John Lanchester, Die Mauer, S. 72, Klett Cotta)

Der Autor hat seinen Roman in zwei Teile aufgeteilt. Die erste Hälte des Buches erscheint manchmal etwas zäh, es geschieht nicht viel, es geht immer wieder um den Dienst auf der Mauer. Er entpuppt sich bald aber als wichtige Vorbereitung auf die zweite Hälfte. Die Anderen, das ist der Titel des zweiten Teils - und hier überstürzen sich die Ereignisse und fesseln den Leser bis zum Finale.

John Lanchaster zeigt uns in seinem Roman eine dystopische Welt, die beklemmend vorstellbar ist. Er erzählt eine Geschichte, die uns alle angeht. Keiner von uns kann sagen, er/sie habe nichts gewusst. Ausbeutung der Rohstoffe, Vermüllung der Meere, Klimaveränderung, Flüchtlinge, geschlossene Grenzen und … und … und... Für einen Briten, wie John Lanchester, dürften auch der Brexit und seine Folgen dazu gehören.

Eine Geschichte, die erzählt werden muss, immer und immer wieder. Und so endet das Buch mit dem Satz, mit dem es beginnt: “Es ist kalt auf der Mauer“.

John Lancaster, wurde 1962 in Hamburg geboren und wuchs im fernen Osten auf. Nach seinem Studium in Oxford arbeitete er als Redakteur und für mehrere Zeitschriften. Er wurde für seine Werke mehrfach ausgezeichnet. Sie liegen auch in deutscher Übersetzung vor.
 

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