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Else Müller, Pädagogin und Autorin 

Mein Dank gilt Else Müller, die mir im August 2014 die Gelegenheit zu einem langen Gespräch über ihren Lebensweg gab. Dieses Portrait entstand aus den mir von Frau Müller freundlicherweise zur Verfügung gestellten Unterlagen und aus meinen Gesprächsnotizen.
 

Das Leben lieben und das Gras unter den Füssen spüren

 

Der Name Else Müller ist untrennbar mit dem Autogenen Training (AT) nach Prof. Dr. J.H. Schultz verbunden.

Ihre vereinfachte und zeitgemäßere Version dieser Entspannungsmethode, von ihr „Innovatives Autogenes Training“ genannt, funktioniert spielerisch leicht und lustvoll. Mit den autosuggestiven Grundformeln des AT: „Ruhe“, „Schwere“, „Wärme“, verbunden mit entsprechenden Wortbildern oder eingebunden in kurze Geschichten und Märchen, schafft sie einen Zugang für Erwachsene und Kinder gleichermaßen.

17 veröffentlichte Bücher und zahlreiche CDs haben insgesamt Millionenhöhe erreicht und die meisten davon halten sich als Longseller seit 30 Jahren auf dem Buchmarkt. Inzwischen ist Else Müller 80 Jahre alt geworden.

 

Man sieht ihr die acht Lebensjahrzehnte nicht an. Lebendig, offen und voller Energie strahlt sie jugendliche Lebensfreude aus. Ihre Präsenz zieht mich gleich in ihren Bann.

Geschmackvoll und apart, so kleidet sie sich, so wohnt sie. Weiß, Grau und ein leuchtendes warmes Rot dominieren ihre Räume. Alles ist hell und klar geordnet, eine Atmosphäre der Ruhe. Vor der cremefarbenen Wand in ihrem Wohnzimmer leuchtet ein Strauß roter Rosen.

Am liebsten frühstücke sie morgens auf ihrem Balkon, sagt sie. Blumengeschmückt verläuft er von Ost nach West. Dort fängt sie so oft es geht die Sonne für sich ein. Noch bis ins vergangene Jahr hat sie tatkräftig zukünftige Entspannungspädagoginnen an einer Akademie ausgebildet. Erst jetzt, mit 80, hat sie beschlossen, es ruhiger angehen zu lassen. Merkwürdigerweise weiß das allwissende Internet nichts über sie, nur ihre zahlreichen Buchtitel finden sich in den einschlägigen Datenbanken. 

“Ich hatte nie einen Computer“, gesteht sie. Deshalb sei sie auch nie online unterwegs gewesen. Das Netz ist ihr fremd geblieben; dabei ist ihr Lebensweg einen langen Eintrag wert.

 

Von Mütterkreisen zu Frauenforen

 

Eigentlich begann ihr Leben ganz unspektakulär und verlief auch bis in ihr drittes Lebensjahrzehnt nicht anders als das der meisten Frauen. 1934 in Frankfurt geboren und aufgewachsen, bleibt sie ihrer Stadt ein Leben lang treu. Nach der Mittleren Reife macht sie eine kaufmännische Lehre und heiratet früh, mit 18 Jahren. Dann aber, in 1962, mit 28 Jahren und zwei kleinen Kindern, zieht es sie in die Volkshochschule Frankfurt. Sie organisiert und leitet dort erstmals „Mütter-Gesprächskreise“, Themen mit denen sie sich auskennt. Eine Aktivität, die aus ihrem eigenen Lebensumfeld und dem Bedürfnis nach Austausch geboren ist. Else Müllers „Mütterkreise“ sind bald erfolgreich und entwickelten sich nach und nach zu „Frauen-Diskussionskreisen“.

Ihr Mann habe sie immer unterstützt, merkt sie an. Allerdings mit einer Einschränkung: „solange durch ihre Arbeit  die Familie nicht leide“. Eine gängige Haltung bis in die späten 60er, in der der Ehemann seine Einwilligung zu jeder beruflichen Arbeit der Ehefrau geben musste, bzw. rechtlich befugt war, ihr diese auch schlicht zu verbieten.

 

Die gutbürgerliche Nonkonformistin


In den Folgejahren bis 1975, lädt sie immer wieder namhafte Referenten zu den Diskussionsterminen ein, betätigt sich in der Öffentlichkeitsarbeit für Frauen in der Volkshochschule, organisiert und leitet u.a. Wochenendseminare, Podiumsveranstaltungen und Fortbildungen, arbeitet daneben als freie Journalistin.

Die politische Aufbruchstimmung dieser Jahre geben ihren Bemühungen den entscheidenden Drift. Vieles, was gesellschaftlich bisher unabänderlich schien, kommt in Bewegung. Aus den Mütterkreisen und Frauen-Diskussionsrunden entwickeln sich die „politischen“ Frauen-Foren, die sich kritisch mit der traditionellen Frauenrolle auseinander setzen und bestehende Rollenmuster durchbrechen wollen. Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung organisiert Else Müller eine politische Bildungsreise der Forenleiterinnen nach Ungarn. 1972 ist sie Mit-Initiatorin der Aktion „Frauen wählen Frauen“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Frauenanteil in den Parlamenten zu fördern.


Die vielen Aktivitäten und Möglichkeiten dieser Jahre scheinen sie manchmal geradezu überrollt zu haben. Was ging in ihr vor? Wie kam sie dazu aus einem bürgerlich abgesicherten Lebensentwurf immer weiter auszubrechen? Was trieb sie an? Oder wurde sie einfach mitgerissen vom Geist der Zeit und der Rebellion gegen die „alten Zöpfe“, wie so viele? Die Antwort auf diese Fragen enthüllt letztlich ihr Lebenslauf. Sie lautet: ja und nein!

 

Der persönliche Aufbruch


Der gesellschaftliche Aufbruch, wurde unleugbar auch zum eigenen persönlichen Aufbruch für Else Müller.

Sie habe es nicht leicht gehabt in dieser Zeit, sagt sie. Oft sei sie auch angefeindet worden, gerade von den weiblichen Mitstreiterinnen. Von der sprichwörtlichen „Frauensolidarität“ habe sie damals wenig spüren können. 

Aus gutbürgerlichem Hause stammend, habe sie diese Prägung nie verleugnet. Das zeigt sie vor allem in ihrem äußeren Erscheinungsbild. Für manche ist sie deshalb ein Problem. Sie verweigert den angesagten Protest-Look aus Jeans und Parka.

Die Haare trägt sie zwar nonkonformistisch lang, aber sie erscheint nie ungeschminkt in der Öffentlichkeit. Das bringt ihre Mitstreiterinnen gegen sie auf! Wer sich so zeigt, gehört eindeutig nicht dazu. Konkurrenzdenken und Eifersüchteleien hätten damals eine wichtige Rolle gespielt, vermutet sie. Man habe ihr sogar „mangelndes linkes Bewusstsein“ vorgeworfen. Obwohl ihr die Angriffe aus den eigene Reihen stark zu schaffen machen, ändert sie ihr Äußeres nicht. Erst ein Therapeut habe ihr sagen müssen, dass ihre Individualität auch ein Zeichen von Charakter und innerer Stärke sei.

Mitte der 70er wird auch ihre persönliche Situation schwierig. Ihre Ehe kommt ins Wanken und endete schließlich in der Trennung. Existenzängste bedrücken sie, und doch geht sie auch in diesen Krisenzeiten ihren Weg unbeirrt weiter. Koedukation an Schulen wird eines der wichtigen Themen, für die sie sich einsetzt, vor allem auch, weil sie ihren Kindern gerne zu dieser Chance verhelfen will.

 

Neue Bildungschancen

 

1974, mit vierzig Jahren, schreibt sie sich als Gasthörerin bei Lehrveranstaltungen des Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt ein. Gleichzeitig beginnt sie eine 2-jährige Ausbildung in Bioenergetik nach Gerda Boyesen.

Überall auf der Welt machen sich nun Frauen auf den Weg in eine eigene berufliche Zukunft, unabhängig von einer Versorgung durch ihre Ehemänner. „Späte“ Frauen wie Else Müller, aus einer bestehenden Familie heraus, weil die Kinder groß geworden sind oder aus finanzieller Notwendigkeit nach einer Scheidung, ausgerüstet mit der Pille und einer ganz neuen Lust auf Leben.  Für viele Frauen ist ein eigenes Studium auf der Strecke geblieben. Das Wohl der Kinder und die Karriere des Ehemannes hatten Priorität. Nun gilt es die neuen Chancen zu ergreifen, die sich plötzlich bieten und das eigene Leben noch einmal ganz neu auszurichten. Eine bisher für Frauen noch nie da gewesene Ära der Selbstbestimmung und Freiheit beginnt.
 

Über den Fachbereich „Erziehungswissenschaften“ nimmt Else Müller vier Semester lang an einer praxisbezogenen Zusatzveranstaltung „Familientherapie“ teil und landet schließlich als Praktikantin im sozialen Brennpunkt „Frankfurter Berg“. Diese Tätigkeit erweist sich als ungeahnte Chance, denn die Arbeit unter der Supervision ihres Dozenten G. Feldmann, gibt ihr die Möglichkeit, sich als externe Prüfungsanwärterin für das Examen zur Dipl. Sozialarbeiterin anzumelden. Eine Art zweiter Bildungsweg, der sich damals eröffnete. 1977 legt sie erfolgreich ihr Examen ab.
 

Die pädagogische Karriere

 

Zum Autogenen Training findet sie durch ihren Vater. Er hatte dieses Entspannungsverfahren bereits früh erlernt und erfolgreich bei sich angewendet.

Selbst in eine tiefe Krise geraten, leidet sie unter Schlafstörungen und sucht, wie ihr Vater, Hilfe im Autogenen Training. Durch den bekannten Frankfurter Arzt und Psychotherapeuten Heinz Mosebach, lässt sie sich anschließend zur Trainerin für Autogenes Training ausbilden. Mit ihm und anderen zusammen kämpft sie in dieser Zeit auch um die Realisierung eines großen Projektes,  die Gründung des Vereins „Familientherapeutische Praxis Frankfurt e.V.“, der auch mittellosen Familien psychosoziale Hilfe bieten soll. Zusammen mit Dr. Mosebach übernimmt sie den Vorsitz des Vereins. Nach langem hin und her erreichen sie 1976 tatsächlich die Anerkennung des Modells durch den Magistrat der Stadt Frankfurt und damit eine Subvention der Praxis, die schließlich als erste derartige Einrichtung in Deutschland 1978 eröffnet wird.


Um sich in den Semesterferien etwas Geld zu verdienen, bewirbt sie sich im gleichen Jahr noch für eine viermonatige Tätigkeit als Freizeitpädagogin und Ausbilderin in Ferienclubs in Marbella und Cran Canaria. Sie sucht auch für sich selbst Erholung in diesen Urlaubsparadiesen, denn die privaten Probleme, ihr Studium und die Arbeit haben sie erschöpft. Heute lacht sie, wenn sie sich an diese Zeit erinnert. Es sei eine vergnügliche und sehr gut bezahlte Arbeit gewesen. Unglaublich, was damals noch gegangen sei.
 

1979 erhält sie ihr Diplom in Sozialpädagogik und beginnt als Honorarkraft mit Kursen im Bereich Gesundheitsprophylaxe. Autogenes Training, Meditation und Frauenkurse zu verschiedenen Themen bietet sie an. Sie arbeitet bei Familienbildungsstätten und gruppentherapeutisch in einer Klinik für psychosomatische Erkrankungen. Ab 1983 erhält sie schließlich verschiedene Lehraufträge im Bereich der hessischen Lehrerfortbildung. Daneben hat sie inzwischen ihre eigene Praxis für Psychotherapie eröffnet und sich aus dem Team des Vereinsprojektes ausgeklinkt. Ihre Behandlungsschwerpunkte liegen bei  psychosomatischen Störungen und Stressprophylaxe.

 

Innovativ und kreativ

 

Zwischen 1980 und 1983 entwickelt sie atemtherapeutische Übungen, die sie „Progressives Atmungstraining“ nennt und daneben die Methode, mit der sie bis heute bekannt ist, das „Innovative Autogene Training“ (IAT): Ein Extrakt jahrzehntelanger Arbeit mit dem klassischen Autogenen Training (AT) nach Prof. Dr. Schultz. Es entsteht,  weil sie die Idee hat auch Märchen mit ins Autogene Training für Kinder hinein zu nehmen. Sie schreibt in diesen Jahren ihre ersten beiden Bücher. Das erste Buch: „Du spürst unter deinen Füssen das Gras“ erscheint 1983 im Fischer Verlag, Frankfurt. Eine theoretische Einführung in die Methode mit einer Sammlung von Fantasie- und Märchenreisen. Bis heute ist es ein Bestseller geblieben. Das zweite, ein Sachbuch, das sich mit Autogenem Training und richtiger Atmung befasst, erscheint im gleichen Jahr bei Rowohlt, Hamburg.


Sie habe die meisten Geschichten ihres ersten Buch in einer einzigen Nacht geschrieben, sagte sie, im Urlaub in Italien. Die Formeln des Autogenen Trainings habe sie erst später in diese Geschichten eingefügt. Aber, bis diese Methode ausgereift gewesen sei, sei es noch ein langer Weg gewesen.
 

Beide Bücher sind auf Anhieb so erfolgreich, dass sie Aufträge für weitere erhält, also schreibt sie weiter. Es folgen  Bücher mit Märchen, Reiseimpressionen und Fantasiereisen, alle mit hoher Auflagenzahl.
1985 wird sie für einen Fachvortrag zum Internationalen Ärztekongress nach Wien eingeladen. Eine weitere öffentliche Anerkennung ihrer Arbeit. Sie ist angekommen.

 

Meditation und Dichtkunst

 

In den 90ern wendet sie sich einer weiteren Kombinationsmöglichkeit von Entspannung und Sprache zu. Sie befasst sich mit dem Kreativen Schreiben und findet zur japanischen Haiku-Dichtung. Eine Gedichtform, die leicht zu erlernen ist und einen meditativen Charakter hat. Naturbeobachtung und die achtsame Wahrnehmung eines einzigen Augenblicks machen ein gutes Haiku aus. Das passt perfekt zur Entspannung und zum Autogenen Training. Ein Haiku schreiben heißt Zen Meditation zu praktizieren, auch wenn die meisten Menschen westlicher Prägung davon kaum etwas ahnen.

1999 erscheint ihr Buch „Wenn die Kraniche ostwärts ziehen“ mit dem Untertitel „Haiku-Meditation und Kreatives Schreiben“ im Kösel Verlag, Müchen. Es enthält eine Anleitung zur Gestaltung einer Haiku-Schreibwerkstatt, angereichert mit einem großen Anteil eigener Haiku-Gedichte, die viel mehr über sie und ihr Leben aussagen, als Fakten es könnten. Diese Gedichte eröffnen einen tieferen Zugang zu der Person, die Else Müller im Innersten ist. Sie sprechen von Schmerz, von Verlust, von Liebe und von Hoffnung und daneben von einer tiefen Naturverbundenheit und einem Gefühl für die Welt „hinter der sichtbaren Welt“. Sie verraten, dass sie auch immer eine spirituelle Sucherin gewesen ist.

 

Die Seele tanzt


Else Müller war immer sensibel für den Geist der Zeit. Bis heute ist sie am Leben selbst interessiert. Ich erlebe sie offen und kritisch, sowohl für die eigene Entwicklung als auch für die gesellschaftlichen Strömungen. Für sie ist das Private immer auch politisch. Diese Überzeugung war Motivation für ihre frauenpolitische und pädagogisch-therapeutische Arbeit. Ihr Weg mündete jedoch nicht in die feministische Bewegung oder in parteipolitische Aktivitäten, sondern in eine unabhängige, engagierte pädagogische und schriftstellerische Karriere. 
Entspannung, Meditation, Spiritualität, zwischenmenschliche Beziehung sind ihre wichtigsten Lebensthemen. 

Geschichten erzählen! Eine Wohlfühlatmosphäre verströmen! Sich mit Märchen wohlig warm und geborgen fühlen! Sinn erfahren!

Das sind ihre Anliegen, das kann sie sehr gut vermitteln. Aus diesen Fähigkeiten heraus hat sie ihre eigene Entspannungsmethode entwickelt, besonders geeignet für Kinder. Mir scheint, dass sie selber auch immer ein bisschen Kind geblieben ist: neugierig, staunend und offen für Wunder.
 

„Hinter dem  Abendstern,

verbirgt sich die Welt

der Feen, Nixen und Elfen.“ (1), dichtete sie.


Die Liebe und die Lebensfreude zu behalten, sei ihr das Wichtigste im Leben gewesen, sagt sie. Und bisher sei ihr das noch immer gelungen.
Ihre positive Ausstrahlung und nicht zuletzt auch der beständige Erfolg ihrer Bücher gibt diesem speziellen Lebensfokus recht

 

 „Ich baue mir ein Haus

aus Traum und Fantasie,

geschützt hock´ ich drin.“ (2) 

Vielleicht ist das ihr Geheimnis.

 

 

(1) und (2): Haikus aus dem Buch von Else Müller „Wenn die Kraniche ostwärts ziehen“, Kösel Verlag, München 1999. Verwendung der Zitate mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlages.

 

© Text und Foto: Margit Seibel

     2014

 

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